Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris): Diosmin, Tannine und hämostatischer Mechanismus — EMA Traditional Use
Capsella bursa-pastoris enthält Diosmin, Luteolin-7-glucosid, kondensierte Tannine und biogene Amine. Hämostatischer Wirkmechanismus: Vasokonstruktion + Noradrenalin-Potenzierung + Protein-Präzipitation. EMA traditional use Menorrhagie + oberflächliche Blutungen. Wichtige Kontraindikationen: Schwangerschaft, Schilddrüsenerkrankungen.
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Capsella bursa-pastoris (L.) Medik. (Brassicaceae) — das Hirtentäschel — ist eine der ältesten hämostatischen Heilpflanzen Europas. Trotz seiner Allgegenwärtigkeit als Ackerunkraut enthält es ein pharmakologisch relevantes Wirkstoffspektrum: Flavonoide (insbesondere Diosmin), kondensierte Tannine und biogene Amine, die synergistisch zur Blutstillung beitragen.
- Diosmin (CAS 520-27-4, C₂₈H₃₂O₁₅, MW 608, Diosmetin-7-O-rutinosid): Hauptflavonoid → Phosphodiesterase-Hemmung + Noradrenalin-Potenzierung → vasokonstrikiv + hämostatisch
- Kondensierte Tannine + Gerbstoffe: Protein-Präzipitation → adstringierende Schutzschicht → lokale Blutstillung oberflächlicher Blutungen
- EMA/HMPC traditional use: Menorrhagie (leichte bis mäßige Hypermenorrhoe) + kleine oberflächliche Wunden/Epistaxis
- ABSOLUTE KI: Schwangerschaft (uterotonus-aktive Amine + Glucosinolate = Abortivum-Risiko); Schilddrüsenerkrankungen (Sinigrin → Glucosinolat-Goitrogene)
- Klinische Evidenz: Traditional use — keine DB-RCTs; in vitro + Tier-Modelle bestätigen vasokonstriktiven Effekt
Botanik und offizinelle Droge
Bursae pastoris herba — das getrocknete Kraut (Herba) von Capsella bursa-pastoris — ist in der Ph.Eur. beschrieben. Die Pflanze gehört zur Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae) und ist durch ihre charakteristischen herzförmigen, hirtentaschenähnlichen Schötchen zu erkennen.
Offizinell verwendete Teile: das gesamte oberirdische Kraut (Stängel, Blätter, Blüten, unreife Früchte) zur Blütezeit geerntet.
Wirkstoffe: Flavonoide, Tannine und biogene Amine
Das Hirtentäschel enthält ein komplexes Wirkstoffspektrum, das zur hämostatischen Wirkung beiträgt:
Flavonoide (~0,5–1,5% TG):
- Diosmin (Diosmetin-7-O-β-rutinosid, CAS 520-27-4, C₂₈H₃₂O₁₅, MW 608): Hauptflavonoid, bekannt aus Venenpräparaten (Daflon); vasokonstrikive Wirkung durch Noradrenalin-Potenzierung
- Luteolin-7-glucosid (CAS 5373-11-9, C₂₁H₂₀O₁₁, MW 448): COX-2-IC₅₀ ~25–40 µM → antiinflammatorisch
- Quercetin-3-rutinosid (Rutin, CAS 153-18-4, MW 610): Kapillarprotektiv, Hyaluronidase-IC₅₀ ~10–30 µg/mL
- Hesperidin (~0,1–0,3% TG): Kapillarstabilisierung
Gerbstoffe und Tannine (~2–4% TG):
- Kondensierte Tannine (Procyanidine Typ B): Protein-Präzipitation → adstringierende Schutzschicht auf Wundgewebe → antisekretorisch + hämostatisch topisch
- Gallussäure-Derivate: leicht hämostatisch
Biogene Amine und Cholin:
- Histamin + Tyramin + Cholin (geringe Mengen): klassische historische Erklärung für vasokonstrikive Wirkung (Jaretzky 1934, Planta Med)
- Acetylcholinähnliche Peptide: vasokonstriktive Aktivität im isolierten Uterus-Tiermodell (Kuroda & Takagi 1969, Arch Int Pharmacodyn)
Glucosinolate:
- Sinigrin (Allyl-Glucosinolat): Myrosinase → Allylisothiocyanat (AITC) — VIEL geringere Konzentration als in Meerrettich/Senf, jedoch relevant für Schilddrüsen-Goitrogen-Effekt bei Langzeitanwendung
Diosmin hemmt Phosphodiesterase (PDE) → cAMP ↑ in Endothelzellen + Glattmuskelzellen → Noradrenalin-Freisetzung verlängert + α-Adrenozeptor-Sensibilisierung → venöser Tonus ↑ + Vasokonstriktion. Dieser Mechanismus erklärt sowohl den Venentonus-Effekt (wie in Daflon®-Präparaten) als auch die hämostatische Wirkung bei Menorrhagie.
Hämostatischer Wirkmechanismus
Der hämostatische Effekt von Hirtentäschel ist multifaktoriell:
Vasokonstriktion: Diosmin + Luteolin-7-glucosid hemmen PDE → cAMP ↑ → sympathomimetische Aktivität (Noradrenalin-Potenzierung) → vasokuläre Glattmuskelkontraktion → Reduktion des Blutflusses in kleinen Gefäßen.
Protein-Präzipitation (lokal): Kondensierte Tannine binden Gewebe-Proteine → adstringierende Koagulationsschicht → topische Blutstillung.
Kapillarstabilisierung: Rutin + Hesperidin + Quercetin → Hyaluronidase-Hemmung + endotheliale Tight Junctions gestärkt → Kapillarpermeabilität ↓ → Blutungsneigung ↓.
EMA-Status und Indikationen
EMA/HMPC Monographie: Traditional use (nicht well-established use) für:
- Menorrhagie: leichte bis mäßige Hypermenorrhoe (zu starke Menstruation) — oral
- Oberflächliche Blutungen: Epistaxis (Nasenbluten), kleine Wunden — topisch
Dosierung (traditional use):
- Tee: 5–10g Kraut/Tasse (150 ml), bis zu 3× täglich
- Trockenextrakt (DER 4–6:1): 300–500 mg, bis zu 3× tägl.
- Tinktur (1:5, 45% Ethanol): 2–4 ml, bis zu 3× tägl.
Anwendungsdauer: Max. 4–6 Wochen; bei persistierender Menorrhagie gynäkologische Abklärung obligat (Myome, Endometriose ausschließen!).
Kontraindikationen und Sicherheit
Schwangerschaft (uterotonus-aktive Amine + Glucosinolat-Metabolite = Abortivum-Risiko — in der Volksmedizin historisch als Emmenagogum eingesetzt). Schilddrüsenerkrankungen (Hypothyreose, Hyperthyreose, Jodmangel-Struma): Sinigrin-Abbauprodukte goitrogen. Kinder unter 12 Jahren. Stillzeit.
Weitere Vorsichtsmaßnahmen:
- Herzerkrankungen: historische vasokonstriktive Berichte → Vorsicht bei Herzrhythmusstörungen
- Eisenmangel-Anämie: Tannine chelatieren Eisen → Eisenpräparate 2h trennen
- Gallenwegs- und Nierensteine: Oxalsäure-Anteil in der Pflanze (Brassicaceae-typisch)
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